Schlagwort-Archive: LeninGratt

Der Füller – Neu Veröffentlichung

Verträumt, sich seines Ziels alles andere als bewusst schlenderte er durch die Straßen und Gassen der Fußgängerzone im Grazer Zentrum. Wie oft hat man schon die Gelegenheit, im Frühjahr, bei leicht sommerlichen Temperaturen durch die Innenstadt zu spazieren. Erledigungen hatte er bereits alle hinter sich gebracht, eigentlich hätte es ja nur ein Buch werden sollen, aber woher hätte er wissen sollen, dass die Auswahl so groß und ansprechend sein würde. Und so schoss er über das Ziel hinaus, wie so oft und verdreifachte sowohl Summe als auch Anzahl der erworbenen Güter. Der Parkschein war ja bereits bezahlt, dachte er und spazierte zum Haus in dem ein für ihn zu diesem Zeitpunkt interessant wirkendes Mädchen lebte. Er kannte Sie kaum, sie war eine Freundin einer Freundin, besser eine Schulkollegin einer Freundin und er hatte sie bisher nur zweimal getroffen. Nichts desto trotz empfand er sowohl Sympathie als auch Interesse an besagtem Mädchen. Die Ursache, den Grund hierfür kannte er nicht. Nun denn stand er vor dem Haus, stand vor der Tür, doch welcher Name, welches Türschild war Sie? Mehr als eine Eingangstür und einen Vornamen wusste er nicht. Ungewiss wo er drücken sollte, wurde ihm ein wenig mulmig, selbst wenn er den richtigen Knopf drückte könnte sich jemand anders melden. Was sollte er von sich geben, wenn eine WG Kollegin, eine Mitbewohnerin antwortete, wusste er doch so gut wie nichts über das junge Fräulein. Also entschloss er sich kurzerhand seiner Spontanität abzusagen und zu seinem Auto zurück zu kehren. Langsam drehte er sich um, blickte noch einmal hoch zu dem Fenster in dem Sie seiner Vermutung zufolge versteckt war. Aber entgegen seiner Hoffnung, die zugleich auch eine Angst war, stand Sie nicht dort und winkte. Ein wenig Orientierungslos drehte er sich, entschied sich dann links zu gehen und marschierte los. Sobald er die Erste Ecke hinter sich hatte, atmete er tief durch, bleib stehen und dachte darüber nach was er gerade gemacht hatte, oder auch nicht gemacht hatte und vor allem was er eigentlich wollte.Sowohl das eine, wie auch das andere kamen ihm zutiefst absurd vor. Ein beißender Geruch stieg ihm in die Nase, als er sich dann weiter entfernte. Wenn man seine Gedanken visualisiert hätte, wäre wohl ein amüsantes, verschwommenes Bild entstanden. Gezogen über die gesamte Gasse. Männer, die vor Trunkenheit kaum noch stehen konnten, an den Wänden lehnend ihre Notdurft verrichteten, andere welche türkisches Essen speißten und zur gleichen Zeit über Ausländer schimpften. Wieder andere, die das Gleichgewicht wohl irgendwann mal verloren hatten und sich am Boden wälzten, erbrachen und in Ihrem erbrochenen, wie Kleinkinder krabbelten. Und mitten in diesem Szenario tauchte immer wieder das Mädchen auf wie eine Engelserscheinung in der Hölle. Weiß gekleidet, blond und die Gasse erhellend, die kaputten Menschen befreiend. Ein paar Straßen weiter, ganz gesammelt hatte er seine Gedanken noch nicht, sie geisterte noch immer in seiner Gedankenwelt herum. Noch immer fragte er sich ob er wohl das richtige gemacht hatte. Antwort war ihm keine vergönnt, außer der sich in seinem Leben wiederholenden Antwort, dass er das gemacht hatte was ihn repräsentierte. Er hatte das gemacht was seinem sein und seinem Leben entsprach, er hatte kurz vor dem Ziel zurück gesteckt, war vor der Gefahr der Enttäuschung zurück gewichen. Er hatte wieder mal bis kurz vor das Ende gekämpft mit sich, nur um dann auf zugeben. Und als er das so vor sich hin dachte bemerkte er an einer Hausecke einen Schreibwarenladen wie es ihn in seinem Heimatdorf auch mal gegeben hatte. Die Fassade war nicht direkt heruntergekommen, aber man konnte klar erkennen, dass sie bereits länger Wind und Wetter getrotzt hatte, als so manch andere Fassade der Altstadt. Und exakt bei diesem Gedankengang fiel ihm ein, dass er diverse Stifte benötigte, seit längerem. Warum nicht hier kaufen, dachte er als er den Laden betrat. Eine Dame mit grauen Haaren, sicher über fünfzig, aber gut erhalten begrüßte ihn freundlich. Sie hatte eine angenehme ruhige Stimme und eine noch angenehmere beruhigende Ausstrahlung, eine Aura der Ruhe und Intelligenz umgab sie. Was sie für Ihn tun könne, fragte Sie überaus höflich und zuvorkommend. Erschlagen von dem umfassenden Angebot dass ihm von vielen kleinen Regalen entgegen sprang wusste er beinahe nicht mehr was der Grund für seinen Besuch in diesem Laden war. Schließlich fiel es ihm wieder ein und er fragte nach CD-Marken, dabei wurde ihm klar, dass es nicht das einzige bleiben sollte, denn wie oft kommt man schon zu dem Vergnügen ein derartiges Geschäft zu besuchen. Während die Dame um ein Regal spazierte überflog er den Laden mit seinen Augen. Zu seiner linken sah er Tinte wie Sie von Malern verwendet wird, rechts waren Lineale, Geo-Dreiecke, Kurvenlineale. Die Vielfalt des Angebots, überschritt trotz des kleinen Platzes bei weitem das der großen Bürobedarfsketten. Allerlei Accessoires für den Künstlerbedarf erspähten seine Augen. Plötzlich war es ihm egal welche Stifte er bekommen würde und wie viel sie kosten mochten. Noch während er zu den angebotenen Stiften griff fragte er nach Kollege-Blöcken und einem Buch, diesem Buch, aus dem Ihr nun lest. Auch hier war die Auswahl überwältigend. Er entschied sich für das Buch mittlerer Stärke, kariert. Es dürfte um die 300 Seiten haben. So etwas hat man länger, meinte die Verkäuferin, woraus eine recht angeregte Unterhaltung entstand, dass der Preis nicht so wichtig sei und selbst aus Wien Kunden kämen, weil es so ein Geschäft in Wien nicht gäbe. Bedauernd fiel ihm ein, dass auch das Geschäft in dem er früher mal einkaufte, seine Pforten geschlossen hatte. Er erinnerte sich zurück, an seine Füllfeder, die ihm vor Jahren seine mittlerweile verstorbene Großmutter geschenkt hatte. Fünfhundert Schilling hat sie gekostet, dachte er, als er fragte ob sie denn auch Füller in Ihrem Sortiment führe. Wie zu erwarten tippele die Dame entlang des Tresen um die Ecke, er drehte sich mit ihr und folgte dann, zwei Schritte nach rechts und er stand vor einem Kasten, der wie ein zweiter Verkaufstresen wirkte. Links und Rechts waren scherst befüllte Regale, in der Mitte war frei, so dass er zu ihr durchgreifen hätte können und mit Ihr sprechen konnte. Es lag bereits ein Block dort,auf dem verschiedene Schriftbilder waren. Sie öffnete die erste Lade und brachte wunderschöne Füllfedern zum Vorschein. Auch normale Füller, wie sie von Schülern verwendet wurden bot sie ihm an, davon distanzierte er sich sofort und deutlich, er wollte einen Füller der Ihn repräsentierte. Er teilte Ihr seine Wünsche mit, sie dürfe nicht zu leicht sein und müsse einen dünnen Strich haben. Sie kramte etliche Füller hervor, er probierte damit zu schreiben, aber es wollte ihm keiner so recht zusagen, bis sein Blick auf einen aus hellem Holz mit vergoldeter Feder fiel. Und als er selbigen berührte wusste er bereits, dass dies die erste Geschichte mit diesem Füller in diesem Buch sein sollte.